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8.6Glasarten und Messdaten

Kurz gesagt

Wie stark ein PV-Modul blendet, entscheidet vor allem seine Glasoberfläche: nicht, wie viel Licht sie reflektiert, sondern wie gebündelt. Antireflexbeschichtung ist heute Standard, dient aber dem Ertrag und macht ein Modul nicht blendarm. Stark texturierte Gläser sind in der Regel ebenfalls nicht blendarm; deutlich weniger blenden satinierte Gläser und manche Folien. Die Systemmodule der App enthalten überwiegend generische Werte für diese Glasklassen, „Phytonics Folie“ Herstellerangaben; für ein bestimmtes Produkt braucht es dessen Messdaten.

8.6.1 Worauf es ankommt

  • Bündelung statt Reflexionsgrad. Die Leuchtdichte einer reflektierenden Fläche hängt vor allem davon ab, wie gerichtet sie reflektiert, nicht davon, wie viel (Bucher et al. 2021, S. 3). Eine matte weiße Wand reflektiert viel Licht und blendet nicht; ein Glas, das wenig, aber gebündelt reflektiert, kann stark blenden.
  • Flacher Lichteinfall ist entscheidend. Mit wachsendem Einfallswinkel steigt die Reflexion bei allen Oberflächen. In den Messungen für EnergieSchweiz unterschreiten alle Module bis etwa 40° bis 60° Einfallswinkel deutlich 30.000 cd/m²; über 50° bis 60° liegen praktisch alle darüber (Toggweiler et al. 2024, S. 23). Ein Messwert bei 10° allein sagt deshalb wenig.
  • „Blendarm“ ist kein geschützter Begriff. Der Bericht für EnergieSchweiz definiert: Eine Oberfläche ist blendarm, wenn sie aus jedem relevanten Betrachtungswinkel höchstens so hell erscheint wie ein Material, das gemeinhin als nicht blendend gilt, etwa eine weiße Wand (Toggweiler et al. 2024, S. 11). Produktnamen wie „Anti-Glare“ oder „blendarm“ belegen das nicht; belegen können es nur Messungen.
  • Reflexionsarm ist nicht blendarm. Standard-Solargläser gelten als reflexionsarm, weil sie über einen großen Winkelbereich weniger als 5 % des Lichts reflektieren (Toggweiler et al. 2024, S. 12). Blendarm sind sie damit nicht.

8.6.2 Glasarten im Überblick

Oberfläche Blendverhalten Leuchtdichte Systemmodul in der App
Standard-Solarglas mit Antireflexbeschichtung Heute fast immer verbaut. Die Antireflexbeschichtung soll den Ertrag optimieren, nicht die Blendung mindern (Toggweiler et al. 2024, S. 12); sie kann Blendung sogar verstärken (Bucher et al. 2021, S. 1). Bündelaufweitung rund 5° bis 10° (Toggweiler et al. 2024, S. 35). typisch 500.000 bis 100.000.000 cd/m² (Toggweiler et al. 2024, S. 35); vor Ort 2,5 bis 6 Mio. cd/m² (Bucher et al. 2026, S. 7) „Standard Modul (Generic)“
Floatglas (Fensterglas, selten, meist Gebäudeintegration) spiegelnd; punktförmige, kurze, aber sehr starke Blendung (Toggweiler et al. 2024, S. 36) bei allen Winkeln sehr hoch; keine Messwerte Näherung: „Perfekt verspiegelt“
Stark texturiertes oder strukturiertes Glas In der Regel nicht blendarm: „blendet manchmal“ (Bucher 2024, Folie 12). Das Maximum kann neben der Spiegelrichtung liegen; die Ergebnisse unterscheiden sich stark zwischen Produkten; ein flexibles Modul mit grob strukturierter Oberfläche schnitt sehr gut ab (Toggweiler et al. 2024, S. 23); nachweisen lässt sich das nur mit Messdaten des Produkts. produktabhängig eigener Modultyp aus Messdaten
Beschichtetes Spezialglas (z. B. Deflect) bei steilem Einfall sehr niedrig, ab etwa 50° Einfallswinkel kann Blendung auftreten (Toggweiler et al. 2024, S. 39) vor Ort 100.000 bis 200.000 cd/m² (Bucher et al. 2026, S. 7) eigener Modultyp aus Messdaten
Satiniertes Glas (chemisch geätzt) „von allen bekannten Glasoberflächen das blendärmste Verhalten“ (Toggweiler et al. 2024, S. 37); reflektiert breit gestreut und teils neben der Spiegelrichtung, dann mit viel geringerer Helligkeit (S. 30) vor Ort rund 7.000 cd/m²; Austausch von Standardmodulen senkte die Leuchtdichte etwa um den Faktor 1.000 (Bucher et al. 2021, S. 4 und 7) „Satiniertes Modul (Generic)“
Blendschutzfolien (nachträglich aufgeklebt, z. B. Phytonics, PV-Print) Eigenschaften von Folie zu Folie verschieden; Langlebigkeit kritisch, Erfahrung fehlt weitgehend (Toggweiler et al. 2024, S. 40). Folien lenken die Reflexion zu flachen Winkeln um, statt sie zu beseitigen; je flacher der Blick, desto heller (Bucher et al. 2026, S. 7). Leistungsverlust in Labortests 1,2 % auf Floatglas, knapp 5 % auf texturiertem Solarglas (S. 8). vor Ort Phytonics knapp unter 20.000, PV-Print 30.000 bis 60.000 cd/m² (Bucher et al. 2026, S. 7) „Phytonics Folie“ oder eigener Modultyp aus Messdaten
Sandgestrahltes Glas ähnliche Optik wie satiniert, Glas wird mechanisch geschwächt, Garantieverlust; keine Messungen (Toggweiler et al. 2024, S. 38) keine Messwerte –

Die Leuchtdichten der Tabelle stammen aus unterschiedlichen Messungen (Labor bei definierter Beleuchtung, Feldmessung bei realer Sonne) und sind nur in der Größenordnung vergleichbar.

8.6.3 Systemmodule in der App

Systemmodul Werte Verwendung
„Perfekt verspiegelt“ keine Kennlinien; Leuchtdichte der Sonne, Trefferbereich der Sonnenscheibe Rechnung nach LAI und OVE R 11-3 (Kap. VI.1)
„Standard Modul (Generic)“ generisch; Kern abgeleitet aus den Kennwerten eines Standardmoduls im Bericht für EnergieSchweiz (Toggweiler et al. 2024, Anhang 8, Tabelle V, S. 66; Messwerte Tabelle III, S. 65), Kranz und Keulenachsen aus einer BRDF-Messung an Standard-Doppelglas (SPF Rapperswil) Standard-Solarglas mit Antireflexbeschichtung
„Satiniertes Modul (Generic)“ generisch satiniertes Glas
„Phytonics Folie“ Herstellerangaben Folie Phytonics
  • Generische Werte sind Orientierungswerte für eine Glasklasse. Sie ersetzen kein Datenblatt und keine Messung des eingesetzten Produkts. Maßgeblich sind die im Admin-Bereich hinterlegten Werte; der Bericht dokumentiert die jeweils verwendeten.
  • „Phytonics Folie“: Die Werte sind vom Hersteller übernommen. Für ihre Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird keine Gewähr übernommen; Eignung und Stand sind mit dem Hersteller abzustimmen.
  • Werte einsehen: Die Kennlinien jedes Modultyps zeigt der Dialog „Modultypen verwalten“; der Bericht führt die verwendeten Werte im Anhang „PV-Modultypen“ (Kap. 8, Kap. 14).
  • Ältere Systemmodule wie „Standard Modul“ oder „Phytonics Anti-Glare Film“ können in bestehenden Projekten noch vorkommen.

8.6.4 Eigene Messdaten verwenden

Für ein bestimmtes Produkt wird ein eigener Modultyp aus dessen Messdaten angelegt (Kap. 8, Abschnitt 8.1).

Messart Beispiel Eignung für einen Modultyp
BRDF- bzw. Goniophotometer-Messung über viele Einfallswinkel Labor (z. B. SPF Rapperswil, Fraunhofer ISE) geeignet: liefert je Einfallswinkel Leuchtdichte, Achsen und Lage des Maximums
Einzelwert bei einem Einfallswinkel Prüfbericht mit Leuchtdichte bei 10° nicht ausreichend; flache Winkel fehlen
Leuchtdichtekoeffizient je Einfallswinkel Prüfung nach MA 39 Wien eingeschränkt; Achsen und Lage des Maximums fehlen
Feldmessung vor Ort Leuchtdichtekamera, Leuchtdichtemessgerät zur Plausibilisierung; Bedingungen schwanken (Bucher et al. 2026, S. 11)

Was ein Messbericht liefern muss. Je Einfallswinkel (0° bis 80°, besser bis 90°, in 10°-Schritten): maximale Leuchtdichte des Kerns und gegebenenfalls eines Kranzes in cd/m², Öffnung längs und quer zur Einfallsebene in Grad und Lage des Maximums gegenüber der Spiegelrichtung (Offset δ). Bezug: 100.000 lx auf der Moduloberfläche, unabhängig vom Einfallswinkel (Kap. 8, Abschnitt 8.2).

Bezugsgröße prüfen. Messberichte normieren unterschiedlich. Bezieht ein Bericht die Beleuchtungsstärke auf eine Fläche senkrecht zur Lichtquelle statt auf die Moduloberfläche, sind die Werte vor der Übernahme durch cos θ zu teilen.

Herkunft festhalten. Im „Hinweis“ des Modultyps Prüfstelle, Berichtsnummer, Datum und Seite eintragen; der Hinweis erscheint im Bericht. Datenblatt und Messbericht gehören als Anlage zum Gutachten. Fehlen Messdaten, wird das im Gutachten benannt und nicht durch ein anderes Profil ersetzt.

8.6.5 Worauf achten

  • Leuchtdichteschwellen nur an den Betrachtungspunkten vergleichen. Die Kennlinien gelten für 100.000 lx auf dem Modul. Am Betrachtungspunkt ist die Leuchtdichte meist deutlich geringer: Bei flachem Einfall erhält das Modul weniger Licht, und die tief stehende Sonne strahlt schwächer (Kap. V.5). Mit Richtwerten wie 30.000 cd/m² werden die berechneten Werte im Bericht verglichen, nicht die Kennlinie.
  • Folien verlagern Blendung. Weil sie Licht zu flachen Winkeln umlenken (Offset δ), können neue Orte betroffen sein, an denen ein Standardmodul nicht blendet, wenn auch mit viel geringerer Leuchtdichte. Vergleiche zwischen Varianten deshalb für alle Betrachtungspunkte führen (Kap. 13).
  • Langzeitverhalten von Folien und Beschichtungen ist kaum belegt; Verschmutzung und Alterung bildet kein Modultyp ab (Kap. VII).
  • Leitfäden: LAI und OVE rechnen mit ideal spiegelnden Modulen („Perfekt verspiegelt“); das Eckpunktepapier verlangt modultypische Reflexionen, also einen realen Modultyp (Kap. VI.1, Kap. VI.2).

8.6.6 Quellen

  • Toggweiler, P.; Bohren, A.; Bucher, C.; Rechsteiner, T. (2024): Stand der Technik zu blendarmen Oberflächen bei PV-Modulen. Bericht im Auftrag von EnergieSchweiz, Bundesamt für Energie, Oktober 2024.
  • Bucher, C.; Wüthrich, P.; Danaci, Ş.; Wandel, J. (2021): Glare Hazard Analysis of Novel BIPV Module Technologies. ISES Solar World Congress 2021, Conference Proceedings.
  • Bucher, C. (2024): Blendung an PV-Anlagen: Erfahrungen mit blendarmen Produkten. Vortrag, Solar Update Swissolar, 19.11.2024.
  • Bucher, C.; Halle, L.; Burri, M. (2026): Praxistest blendfreie Photovoltaik-Module. Schlussbericht, Berner Fachhochschule, 02.02.2026, Version 3.0.
  • Ruesch, F.; Battaglia, M.; Brunold, S. (2016): Methode zur Quantifizierung der Blendung durch Solaranlagen – Vergleich mit anderen Materialien der Gebäudehülle. 26. Symposium Thermische Solarenergie, Bad Staffelstein.
  • Babin, M.; Thorsteinsson, S.; Jakobsen, M. L.; Spataru, S. V. (2022): Glare Potential Evaluation of Structured PV Glass Based on Gonioreflectometry. IEEE Journal of Photovoltaics 12(6), 1314–1318.